Werthers Lotte zu Gast an den Tourismusschulen
Mit feinem Gespür für Intensität brachte das Landestheater Niederösterreich heute sein Klassenzimmertheater Lottes Werther in den Vortragsraum der Tourismusschulen – eine seltene Gelegenheit, große Literatur in unmittelbarer Nähe zu erleben. In der fünften Aufführung des Stücks verlieh Marthe Lola Deutschmann der Figur Lotte eine berührende Klarheit und spiegelte mit großem Temperament die Gefühlswelten aller Beteiligten im berühmten Liebesdreieck wider.
Regisseurin Anja Jemc eröffnet in ihrer Interpretation eine weibliche Sicht auf Goethes Werther und stellt Lottes innere Stimme ins Zentrum. Fragen nach Freiheit, Pflichtgefühl und emotionaler Selbstbestimmung treten dadurch mit frischer Dringlichkeit hervor und lassen die vertraute Handlung überraschend modern wirken.
Das Ensemble zeigte sich begeistert von der herzlichen Gastfreundschaft an der Schule: Das vegetarische Angebot des ausgezeichneten Mittagessens fand ebenso großen Anklang wie die schneereiche Winterkulisse, die dem Aufenthalt eine besondere Stimmung verlieh.
Heidi Prüger, Mitorganisatorin, betonte, wie bereichernd es für sie war, diesen konsequenten Perspektivenwechsel erstmals live mitzuerleben – weg von Werthers dominanter Stimme hin zur Sicht einer jungen Frau, deren Empfindungen ebenso kraftvoll wie zurückhaltend sein können.
Auch das Publikum reagierte tief bewegt. Besonders Deutschlehrerin Sandra Peinsipp (KV der 4BHL) konnte sich bei Werthers letztem Brief der Tränen kaum erwehren – ein Zeichen dafür, wie unmittelbar die Darstellung wirkte. In der folgenden Diskussionsrunde mit den Klassen 3CHL und 4BHL zeigten die Schülerinnen und Schüler großes Interesse: Die vielen Fragen und Gedanken belegten, wie aktuell die Thematik geblieben ist und wie eindrucksvoll die Inszenierung diese Gegenwartsbezüge sichtbar machte.
Ein inspirierender Theatermoment, der nachklingt – und eindrucksvoll zeigt, wie lebendig Klassiker werden, wenn sie neuen Stimmen Raum geben.



