Theater hautnah: Die „Schachnovelle“ im touristischen Kontext
Ein intensives und nachhaltig bewegendes Theatererlebnis durften die Klassen 3BHL, 3CHL und 5CHL an den Tourismusschulen Semmering erfahren: Das Landestheater NÖ gastierte mit seiner Produktion der „Schachnovelle“ von Stefan Zweig an der Schule und verwandelte den Vortragsraum in einen Ort existenzieller Spannung: ohne Bühnenbild, ohne Distanz, ohne Vorhang – dafür mit maximaler Präsenz.
Mit einfachen Mitteln entstand eine dichte Atmosphäre: Salz- und Pfefferstreuer wurden zu Schachfiguren, ein Tischchen zum Spielbrett, auf dem sich Macht, Strategie und psychische Zermürbung symbolisch verdichteten.
Im Zentrum steht Dr. B., der von den Nazis im Wiener Hotel Metropol – einst ein nobles Hotel, während der NS-Zeit Sitz der Gestapo – in Einzelhaft gehalten wird. Gerade für Schüler:innen einer Tourismusschule erhielt dies eine besondere Dimension: Ein Haus der Gastlichkeit und des Reisens wird zum Ort der Isolation und seelischen Zerstörung. Diese Umkehrung touristischer Werte – Offenheit, Internationalität, Begegnung – machte die historische Realität besonders eindringlich. In der Ein-Mann-Produktion ging Schauspieler Julian Tzschentke mit enormer körperlicher und emotionaler Intensität an die Grenzen des Machbaren. Besonders eindrucksvoll war eine Szene, in der er, auf dem Tischchen balancierend, der inneren Spaltung an der Grenze zum Wahnsinn Ausdruck verlieh.
Im anschließenden Gespräch zeigte sich, wie sehr die Aufführung nachwirkte. Schüler:innen erzählten von Gesprächen mit ihren Urgroßeltern, die beim Erinnern an die Zeit des Nationalsozialismus in Tränen ausgebrochen seien. Auch Berichte über Erfahrungen im KZ wurden thematisiert. Darüber hinaus wurde diskutiert, dass Traumata – etwa durch Krieg und Verfolgung – nicht einfach mit einer Generation enden. Sie können über Erzählungen, Schweigen, Verhaltensmuster und familiäre Prägungen weitergegeben werden. Dies Weitergabe macht deutlich, dass Geschichte nicht in einer fernen Vergangenheit verharrt, sondern bis in die Gegenwart hineinwirkt. Die „Schachnovelle“ erschien dadurch nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern als Mahnung mit aktueller Relevanz.
Ein zentraler Diskussionspunkt war die Frage, ob sich Mechanismen des Nationalsozialismus wiederholen könnten. Mehrere Schüler:innen bejahten dies – und machten dabei deutlich, dass es nicht nur um abstrakte Ideologien geht, sondern um gezielte Unterdrückungs- und Mundtodmachungsmechanismen: Ausgrenzung, Einschüchterung, Überwachung und das schrittweise Verschieben demokratischer Grenzen. Diese Strategien können in unterschiedlichen Kontexten wieder wirksam werden.
Gerade diese differenzierte Auseinandersetzung machte deutlich: Geschichte ist nicht abgeschlossen. Sie fordert Aufmerksamkeit, Wachsamkeit und Verantwortungsbewusstsein – auch und gerade in einer Branche, die für Offenheit, Internationalität und menschliche Begegnung steht.
